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Anna Rühl

Fritz Winter — Vom Bauhaus zur documenta

Fritz Winter erhielt 1955, im Jahr der ersten documenta, einen Ruf auf eine Malereiprofessur an der Werkakademie Kassel und wurde somit Kollege von Arnold Bode. Nicht nur dort, sondern auch für die ersten drei documenta Ausstellungen arbeiteten sie eng zusammen.

Als ehemaliger Bauhaus-Schüler stand Winter für eine direkte Verbindung zwischen Kassel und dem Bauhaus. Er war auf der documenta nicht nur mit spektakulär inszenierten, größeren Werkkomplexen präsent, sondern auch in ihre Organisationsstruktur eingebunden.

1955, im Jahr der ersten documenta, erhielt Fritz Winter den Ruf auf eine Professur für Malerei an der Werkakademie Kassel. Arnold Bode, Mitbegründer der Akademie nach dem Krieg, erinnerte sich später

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daß wir alle entzückt waren, daß Fritz Winter aufgrund einer neu geschaffenen Stelle [...] nach Kassel kam.  
«
Quelle

Arnold Bode: »Interview mit Karl Oskar Blase und Volker Rattemeyer«, in: Kritische Festschrift zur 200-Jahrfeier der Kasseler Kunsthochschule, Gesamthochschule Kassel 1977, S. 13—15

In den folgenden Jahren arbeiteten die beiden eng zusammen, sowohl als befreundete Kollegen als auch in Bezug auf die ersten drei documenta Ausstellungen, bei denen Winter mit größeren Werkkomplexen präsent war und in deren Organisationsstruktur er zunehmend eingebunden wurde.


Zum Zeitpunkt seiner Berufung genoss Winter als abstrakter Maler bereits hohes Ansehen. Er hatte von 1927 bis 1930 am Bauhaus in Dessau bei Lehrern wie Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky und vor allem Paul Klee gelernt.

Unter den Nationalsozialisten als entartet diffamiert, fand er nach dem Krieg rasch Anschluss an die westliche Kunstentwicklung. Seine Wertschätzung durch namhafte Kunsthistoriker wie Ludwig Grote, Will Grohmann und nicht zuletzt Werner Haftmann gründete auch darin, dass er einer der wenigen Maler von Bedeutung war, die direkt aus der Bauhaus-Lehre hervorgegangen waren.


Winters Auftritt auf der ersten documenta war spektakulär inszeniert. Neben sechs kleineren Ölbildern dominierte sein sechs Meter breites Gemälde »Komposition vor Blau und Gelb« den großen Malereisaal des Fridericianums. Das Großformat war vis-à-vis von Picassos »Mädchen vor einem Spiegel« aus dem Museum of Modern Art New York platziert und postulierte so selbstbewusst den Geltungsanspruch der westdeutschen Nachkriegsabstraktion2/9.

Fritz Winter: «Komposition 56» (1956)
© documenta archiv / Foto: Günther Becker / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Zur Vorbereitung der documenta 2 wurde Winter Mitglied des Ausstellungsbeirats und der Hängekommission und fungierte neben der Stadt Kassel als einziger privater Gesellschafter der neu gegründeten documenta GmbH. 1959 war er in drei Sektionen vertreten und präsentierte sieben Gemälde, neun Serigrafien sowie den großformatigen Bildteppich »Wirkteppich (alternativer Titel: Komposition 56)« in der Rotunde des Fridericianums4/9.

Zur documenta 3 im Jahr 1964 — Winter war inzwischen Mitglied des neu gegründeten documenta-Rats — bespielte er ein Künstlerkabinett mit acht bis dahin nie gezeigten dunkelgrundigen Gemälden aus dem Jahr 1933 — eine

»
erschütternde Dokumentation verborgener Kunst
«
Quelle

Heinz Ohff: »Hinter jeder Ecke ein Minotaurus?«,
in: Der Tagesspiegel, 30.6.1964

1967 verließ Winter den documenta-Rat. Mit ihm schied der letzte praktizierende Künstler aus dem Gremium. Auf den ersten drei documenta Ausstellungen war er mit insgesamt 32 Werken vertreten und hatte mit Malerei, Siebdruck und Bildwirkerei die mediale Vielseitigkeit gezeigt, die ihn als Bauhaus-Schüler auszeichnete.

Arnold Bode mit Bundespräsident Heinrich Lübke (1.v.l.) und Entourage vor dem Kabinett von Fritz Winter auf documenta 3, 1964. Links das Gemälde "Lineare Komposition" (1933). 
© documenta archiv / Fotograf unbekannt / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Arnold Bode mit Bundeskanzler Ludwig Erhard (3.v.l.) und Entourage vor dem Kabinett von Fritz Winter auf documenta 3, 1964. Links die Gemälde Komposition" (1933) und "Lineare Komposition" (1933).
© documenta archiv / Fotograf unbekannt / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Das Kabinett von Fritz Winter auf documenta 3, 1964, mit den Gemälden (v.l.n.r.) "Ineinander" (1933), "Konstruktion IV" (1933) und "Komposition" (1933).
© documenta archiv / Fotograf unbekannt / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Blick in das Kabinett von Fritz Winter (li.) auf documenta 3, 1964, mit dem Gemälde "Lineare Komposition" (1933), vorne rechts ein Gemälde von Robert Motherwell.
© documenta archiv / Foto: Horst Munzig / Dedalus Foundation Inc. / VG Bild-Kunst, Bonn 2019


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