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Martin Groh

Bauhaus-Künstler auf der ersten documenta, 1955

Wenn auch für die erste documenta das Bauhaus nicht namentlich als eine der wesentlichen »Gruppenbewegungen«, die die Entwicklung der Kunst während der ersten Jahrhunderthälfte in Europa geprägt hatten, erwähnt wurde, so waren dennoch die Künstler des Bauhauses erstaunlich präsent.

Zahlreiche Arbeiten von zehn Bauhaus-Künstlern, darunter so berühmte Lehrer wie Wassily Kandinsky, Paul Klee oder Oskar Schlemmer, aber auch ihre Schüler wie etwa Max Bill, Werner Gilles oder Fritz Winter waren zu sehen. Arnold Bode wies den Bauhaus-Künstlern auf der ersten documenta viele bevorzugte Orte in den Ausstellungsräumen zu.

Die documenta wurde ursprünglich von Arnold Bode als Begleitveranstaltung zur von April bis Oktober 1955 in der Kasseler Karlsaue stattfindenden Bundesgartenschau konzipiert.

Die erste documenta hatte drei Hauptabteilungen: erstens die Gruppenbewegungen der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts vom Fauvismus und Expressionismus über den Kubismus bis zum Surrealismus, zweitens die Kunst der sogenannten »Meister der älteren Generation«, wie sie v.a. in den Zwischenkriegsjahren zur Geltung kam, und drittens eine Übersicht über die Lage der aktuellen Kunst von jüngeren Künstlern.

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Die documenta zählte Künstlerbünde wie »Die Brücke«, den »Blauen Reiter« oder »De Stijl« zu den Gruppenbewegungen, die die Entwicklung der Kunst während der ersten Jahrhunderthälfte in Europa geprägt hatten, nicht aber die Bauhaus-Schule. Trotzdem präsentierte die Ausstellung zehn Bauhaus-Künstler, darunter so berühmte Lehrer wie Wassily Kandinsky, Paul Klee und Oskar Schlemmer, aber auch Künstler, die Schüler am Bauhaus gewesen waren, z.B. Max Bill, Werner Gilles und Fritz Winter.


Neben viel Lob übte die Fachwelt auch Kritik an der Ausstellungsprogrammatik: eine Überschau über die internationale Entwicklung in Europa müsse notwendigerweise fragmentarisch bleiben. Besser habe es Ludwig Grote gemacht, dessen Ausstellungen über den »Blauen Reiter« und »Die Maler am Bauhaus« in den Jahren 1949 und 1950 einzelne Positionen der deutschen Kunst klar markiert habe. Grote hatte das Bauhaus als »bedeutendste und einflußreichste kulturelle Tat Deutschlands« im 20. Jahrhundert gelobt und v.a. die gemeinsame Gesinnung der Bauhaus-Künstler beschworen.

Werner Haftmann, Arnold Bodes wichtigster kunsttheoretischer Berater während der ersten drei documenta Ausstellungen, ordnete die Künstlerinnen und Künstler des Bauhauses hingegen eindeutig in einer Hierarchie ein. Kandinsky und Klee bewertete er als genial, Schlemmer und Lyonel Feininger bezeichnete er im Verhältnis dazu als »einfachere Geister«, während sich weitere Bauhaus-Lehrer wie Georg Muche, Josef Albers u.a. nur mit angewandter Kunst beschäftigten und allein aus diesem Grund am unteren Ende seiner Bewertungsskala rangierten. Das Vermächtnis des Bauhauses sah er darin, dass es eine Basis für eine moderne Kunsterziehung gelegt habe#a.

Die Rotunde im Museuem Fridericianum mit Plastiken von Wilhelm Lehmbruck im Vordergrund, hinten das Gemälde »Fünfzehnergruppe« (1929) von Oskar Schlemmer, erste documenta, 1955
© documenta archiv / Foto: Günther Becker

Haftmanns enge Definition und Unterscheidung zwischen höherstehenden, klassischen Genres, wie Malerei und Skulptur auf der einen und lediglich angewandter Kunst auf der anderen Seite setzte sich auf der documenta durch. Das wird auch daran ersichtlich, dass unter den insgesamt siebzehn Bauhaus-Künstlern auf der documenta 1 bis 3 so berühmte Vertreter wie Johannes Itten, László Moholy-Nagy, Hannes Meyer, Marianne Brandt und Marcel Breuer fehlten.

Arnold Bode wies den Bauhaus-Künstlern auf der ersten documenta viele zentrale Orte in den Ausstellungsräumen zu. Klee und Schlemmer setzte er in der Rotunde und im Treppenhaus des Museums Fridericianum in Szene. Dort waren sie um die Plastiken von Wilhelm Lehmbruck herum gruppiert, sozusagen als Auftakt zur beschworenen Dokumentation der Wurzeln der zeitgenössischen Kunst durch die documenta.

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Arnold Bode und die Kasseler Werkakademie

Gemälde von Paul Klee in dem ihm gewidmeten
Raum im hinteren Teil der Rotunde des Museums Fridericianum,
erste documenta, 1955
© documenta archiv / Foto: unbekannt

Die Rotunde im ersten Stock des Musuems Fridericianum mit Malereien von Oskar Schlemmer, erste documenta, 1955
© documenta archiv / Foto: Günther Becker

Die Rotunde im Museum Fridericianum mit Malereien von Oskar Schlemmer, erste documenta, 1955
© documenta archiv / Foto: Günther Becker

Gemälde von Paul Klee in dem ihm gewidmeten
Raum im hinteren Teil der Rotunde des Museums Fridericianum,
erste documenta, 1955. Die Plastik stammt von Wilhelm Lehmbruck, die Skizze vorne rechts von Otto Meyer-Amden Mehr Informationen Weniger Informationen
© documenta archiv / Foto: Günther Becker

Gemälde von Paul Klee in dem ihm gewidmeten
Raum im hinteren Teil der Rotunde des Museums Fridericianum,
erste documenta, 1955. Die Plastik "Sitzender Jüngling" stammt von Wilhelm Lehmbruck, voren rechts ist eine Arbeit von Otto Meyer-Amden zu sehen.

Raumgestaltung auf der ersten documenta, 1955: in der Mitte das Bild »Gelb-Rot-Blau« (1925) von Wassily Kandinsky, im Vordergrund zwei Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner

© documenta archiv / Foto: Werner Lengemann

Für Kandinsky wurde im ersten Stock des Fridericianums gar ein eigener Raum eingerichtet. Von den Kabinetten mit den Expressionisten konnte man direkt auf sein vor schwarzer Wand gehängtes Gemälde »Gelb-Rot-Blau« aus dem Jahr 1925 sehen, dem Höhepunkt seiner »kühlen Periode« am Bauhaus in Weimar.


Im Erdgeschoss hatte Bode Max Bills Plastik »Konstruktion« von 1937 demonstrativ auf einem schwarzen, flachen Sockelquadrat mitten im Raum platziert, sodass man an dieser Arbeit vorbeimusste, wenn man den zentralen Plastik-Saal dahinter betreten wollte. Auf diese Weise erhielt ein programmatisch wichtiges Werk — es war ein Hauptbeispiel für Bills Definition des auf Mathematik und Technik beruhenden Verhältnisses von Plastik und Raum — wiederum einen markanten Ort.

Schräg hinter Bills Arbeit hing an der Wand zwischen zwei Fenstern die Glasarbeit »Fenster« von Josef Albers. Es war eines seiner bekannten Werke aus Überfangglas. Er hatte es während seiner Tätigkeit als Werkmeister für Glas am Bauhaus in Dessau angefertigt.

Eine besonders prominente Platzierung wurde dem Bauhaus-Schüler Fritz Winter zuteil, der in der Malklasse von Paul Klee in Dessau gearbeitet hatte. Für Werner Haftmann war Klee das zentrale Bindeglied zwischen Figuration und Abstraktion in der deutschen und europäischen Malerei. Winter sah er stark von Klees Kraft beeinflusst und verortete daher auch diesen Künstler an einer Schnittstelle der modernen Kunst.

Bode inszenierte Winter mit der extra für die erste documenta geschaffenen »Komposition vor Blau und Gelb« an dem einen Ende des großen Malerei-Saals im ersten Stock des Fridericianums. Hier hing das einem Wandbild ähnliche, großformatige Werk sozusagen als abstraktes Pendant zu Picasso, dessen berühmtes Gemälde »Mädchen vor einem Spiegel« von 1932 das andere Ende des Saals schmückte.


Das Werk "Komposition vor Blau und Gelb" (1955) von Fritz Winter an der östlichen Stirnwand des großen Malereisaals im Museum Fridericianum, erste documenta, 1955
© documenta archiv / Foto: Günther Becker / Fritz-Winter-Haus, Ahlen

Die übrigen Bauhaus-Künstler auf der ersten documenta, Feininger, Gilles, Marcks und Muche, waren im ersten Stock des Fridericianums mit Werken aus verschiedenen Schaffensphasen ihres Lebens vertreten.Schließlich hatte Arnold Bode in der Rotunde des Fridericianums eine Wand mit auf Großformat aufgezogenen Fototableaus berühmter und wegweisender Architekturen installiert, darunter auch Bauten von Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe.

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Geord Muche: Fließendes Rot (Komposition vor blauem Grund) (1916),
gezeigt auf der ersten documenta, 1955 unter dem Titel "Nr. 7 (Komposition vor blauem Grund)"
© Bauhaus-Archiv Berlin / Foto: Kunstmuseen Krefeld - Volker Döhne - ARTOTHEK

Werner Gilles: Ikarus (um 1930),
gezeigt auf der ersten documenta, 1955
© documenta archiv / Foto: Erich Müller / Bildarchiv Foto Marburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

weiter in der Ausstellung:


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Ein Vergleich des Erscheinungsbildes


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